Warum eigentlich ausgerechnet Basken?

Die Frage ist – je nachdem aus welcher Perspektive man sie anschaut – ganz einfach oder sehr schwierig zu beantworten. Einfach ist: Spanien war immer „mein“ Land. Waren wir als Kinder Könige und Königinnen verschiedener Länder, war meines immer Spanien. Vielleicht liebte ich nur den Klang des Wortes, ich weiß es nicht. Mit 18 Jahren war ich das erste Mal in Portugal, und unser Weg – zu viert in einem alten Opel Kadett – führte über die Pyrenäen und durch Navarra, und ich verliebte mich ein zweites Mal, diesmal in die Landschaft. Die schwierigere Variante entstand auf einem anderen Weg. Die Zeit, die mich am meisten geprägt hat, waren die siebziger Jahre, die Ära, in der ich jung und mein Geist noch frisch war. Es war die Zeit der Antikriegsdemos und der entstehenden Friedensbewegung, aber es war eben auch die Zeit der radikaleren Opposition in Deutschland, deren spektakulärste Ausprägungen die Aktionen der RAF waren. Schlagworte wie „Antiimperialismus“, Parolen wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ fielen auf fruchtbaren Boden, und ich verstand die Notwendigkeit, sich von „übrig gebliebenen Nazis“ in Verwaltung, Politik und Justiz zu befreien, sich an Kriegen, deren einziger Grund der wirtschaftliche Nutzen der „Bonzen“ war, nicht zu beteiligen. Ich war zu jung, um schon zu begreifen, dass es keine Kriege gibt, bei denen es nicht um Geld oder Macht geht, und dass Revolutionen, selbst wenn sie glücken, letztendlich zu genau denselben Zielen pervertieren. So lehnte ich die Gewalt der RAF ab, doch die Idee einer neuen, nicht ausbeutenden Gesellschaft gefiel mir, und eine gewisse romantische Glorifizierung der Revolutionäre ging damit einher. Zeitgleich tauchten IRA und ETA in der Presse auf und erhielten durch die Entfernung und meine Unkenntnis der tatsächlichen Vorgänge eine zusätzliche Verklärung. Selbstverständlich wehrten sich die Iren gegen die britische Besatzung, und natürlich wollten die unabhängigen Basken sich nicht einem tyrannischen System wie Francos Spanien einverleiben lassen! Dass Letzteren im Zuge dessen sogar ihre eigene Sprache verboten wurde, kam für mich, der die Notwenigkeit, Ausdruck zu finden, immer schon sehr wichtig gewesen war, einem gesonderten Verbrechen gleich. Die romantische Idealisierung litt sehr durch die Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers 1977 und insbesondere der Ermordung seiner Begleiter, die nun ganz gewiss keine „Ausbeuter“ waren, aber weder von der einen noch von der anderen Seite besondere Erwähnung fanden. Ich hatte als Kind sehr viel Zeit bei meinen Großeltern verbracht, mein Großvater war Pfarrer, ein sehr bodenständiger und pragmatischer Christ, und auch wenn es nicht ausreichte, mich zu einem kirchentreuen Menschen zu erziehen, brachte es mir doch die christlichen Grundprinzipien nahe, die letzten Endes vom Ideal eines Kommunismus gar nicht so weit entfernt sind: Alle Menschen sind gleich viel wert, jeder einzelne ist wertvoll, jeder hat das gleiche Recht, jedes Leben ist heilig. Blindlings Menschen zu ermorden, nur weil sie zufällig im Weg sind, ist demnach ein Sakrileg. Ich war enttäuscht von den „Helden“ und begann, die Dynamik einer leidenschaftlichen Opposition zu begreifen, die so oft über jedes Ziel hinausschießt und sich von den hehren Zielen, mit denen sie begonnen wurde, weit entfernt. Die Anfänge hingegen blieben für mich bewundernswert. Menschen, die es trotz großer Gefahr wagen, sich Unterdrückern entgegen zu stellen, oft wirklich selbstlos den Kampf für diejenigen aufnehmen, die Mut und Kraft nicht aufbringen können, sich zu wehren. Damit spreche ich gar nicht so sehr von einem bewaffneten Kampf und auch nicht zwangsläufig von politisch-kriegerischen Auseinandersetzungen: Wer mit Zivilcourage für jemanden eintritt, der von – übermächtigen – anderen angegriffen wird, wer sich für ungerecht behandelte Mitmenschen einsetzt, wer als Helfer in Krisengebiete zieht: Das sind Helden. IRA und ETA waren weiter entfernt – sie waren weniger verklärt, doch ich wusste auch weniger über Ursprünge, Geschichte und Auswirkungen. So blieb auch die Enttäuschung geringer, und als ich Jahre später begann, mich sowohl mit der irischen als auch der spanischen Geschichte etwas mehr zu beschäftigen, konnte ich sie objektiver betrachten. Tatsächlich war ich überrascht, wie wenig Spanien eine Nation war und noch heute ist, wie wichtig den einzelnen Provinzen ihre unabhängige Kultur ist, auch heute noch. Für mich, und das mag tatsächlich meiner Liebe zur Sprache zuzuschreiben sein, waren die Basken das interessanteste der verschiedenen Völker. Eine Sprache, die mit keiner anderen gesprochenen Sprache verwandt ist, eine ethnische Zugehörigkeit, die sich nicht klären lässt, trotz aller uns heute zur Verfügung stehenden technischer Mittel, birgt etwas Geheimnisvolles, das einen schwärmerischen Geist einfach ansprechen muss. Eine moderne Nation in Westeuropa, deren Gräuel einer diktatorischen Herrschaft noch so frisch sind, dass Menschen meiner Generation sie bewusst erlebt haben können – das letzte KZ in Spanien wurde erst 1962 geschlossen – , und in der das Thema noch immer Tabu-behaftet ist, ist für eine Deutsche, die die Aufarbeitung der eigenen jungen grausamen Geschichte ständig erlebt, fast unvorstellbar. Die ETA begann als Opposition gegen Franco, und die ersten Revolutionäre gegen einen grausamen Despoten waren natürlich Helden – ganz egal wie sehr die Zeit die ursprünglichen Ideale der Organisation pervertierte und wie wenig heldenhaft mir ihre Angehörigen in ihren späteren Jahren erschienen. Vor allen Dingen jedoch war es ein unterdrücktes und zudem auf besondere Weise einmaliges Volk, das über den Umweg des – ich muss es noch einmal sagen: abgelehnten! - Terrorismus in meinen Fokus geriet und mich faszinierte. Insofern war die Verarbeitung in einem Roman nahezu vorprogrammiert, auch wenn sie, weil es eben kein Sachbuch und nicht einmal ein historischer Roman ist, nur als Rahmen Verwendung findet.