Monster

Julian hatte Angst. Das war nichts Ungewöhnliches, Julian hatte öfter Angst. Er mochte keine dunklen Winkel, er hasste Ecken, die man nicht einsehen konnte, und ganz besonders verabscheute er es, wenn er nach Einbruch der Dunkelheit in den Keller geschickt wurde. Aber Julian war acht Jahre alt, ein großer Junge, wie Mama in solchen Momenten immer sagte. Sonst nannte sie ihn Hase oder Schatz, aber wenn sie ihn in den Keller schickte, um nur etwas zu holen, sagte sie: „Du bist doch ein großer Junge.“ Und hin und wieder fügte sie hinzu: „Es wird Zeit, dass du lernst, deine Angst zu überwinden.“ Manchmal konnte er es, manchmal konnte er es nicht. Dann seufzte sie und verdrehte die Augen und lief selber. Das war unangenehm, weil er sich dann gemein vorkam. Er wollte ihr gern helfen – nur in den Keller gehen wollte er eben nicht. Schlimmer war es, wenn sein Vater das mitbekam. „Himmel, bist du eine Memme!“ spottete er dann und begann einen Vortrag, dass er als Kind mehrmals täglich in den Keller gemusst hätte, weil damals noch Kartoffeln und Kohlen dort gelagert wurden. „Und unser Keller war nicht so hell und aufgeräumt wie dieser“, fügte er dann hinzu, und Julian gruselte sich schon bei der Vorstellung eines finsteren, spinnwebverhangenen Verlieses. Und manchmal, so wie heute, wurde Papa ärgerlich, schimpfte und bestand darauf, dass Julian ging. Und sein Schimpfen war fast genauso schlimm, wie in den Keller zu gehen. Zögernd öffnete Julian die Tür, ganz langsam drückte er sie bis an die Wand, ehe er vorsichtig die Hand austreckte, um den Lichtschalter zu betätigen. Nach vorn, nur eine Armlänge vom Schalter entfernt, begann die Schwärze des Kellers. Julian konnte sich vorstellen, wie ein Tentakel oder ein bleicher dünner Arm blitzschnell durch den Spalt zwischen Stufe und Erdgeschoßfussboden schoss und nach oben, nach seiner Hand griff. Zwischen Staubsaugerschlauch und Besenstiel fühlte er den Schalter unter den Fingerspitzen, drückte fest zu und zog den Arm rasch wieder zurück. Die Neonröhre erwachte zu flackerndem Leben, das Licht zuckte einmal, zweimal, ehe es endlich hell vor seinen Füßen wurde. Er atmete tief durch. Das war nochmal gutgegangen. Kein Tentakel, kein bleicher kalter Arm war auf der weißgetünchten Wand zu sehen, keine klammen Finger hatten nach seiner Hand gegriffen. „Wird das heute noch was?“ drang die Stimme seines Vaters aus der Küche. „Ich geh ja schon!“ rief Julian zurück. Langsam, Schritt für Schritt und dicht an die linke Wand gedrückt schob er sich die Treppe hinunter, den Blick fest auf den größer werdenden Spalt rechts von ihm geheftet. Schließlich war er so weit, dass er, wenn er sich bückte, hindurch sehen konnte. Puh - jedenfalls der Kellervorraum war leer! Zum Glück standen die Getränkekisten gleich neben der Treppe! Trotzdem ging er auch weiter nur Schritt für Schritt, Stufe um Stufe. Und die ganze Zeit behielt er die beiden Türöffnungen im Auge: Man konnte ja nicht wissen, ob aus einem der anderen Räume, die noch immer dunkel waren, plötzlich etwas heraus stürmen würde. Von der letzten Stufe aus bog er sich um den Handlauf und griff in die Bierkiste, tastete nach einer Flasche, deren Kronkorken noch drauf war, packte sie und richtete sich wieder auf. Dann erst löste er den Blick von den Türen und rannte die Treppe wieder hinauf, die rechte Hand schon ausgestreckt, damit er im Laufen die Klinke erwischte, hastete durch die Tür und zog sie gleich mit. Während sie schon hinter ihm zufiel, schlug er auf den Lichtschalter und zog die Hand im letzten Augenblick heraus. Der Schwung passte genau, er hatte den Zug an der Klinke längst perfektioniert. Aufatmend blieb er einen Augenblick stehen. Geschafft! „Und?“ fragte sein Vater, als Julian ihm die Flasche reichte. „Hast du ein Monster gesehen?“ „Nee“, sagte Julian. Jetzt, hier oben in der Wärme und Sicherheit der Küche, war ihm seine Angst peinlich. Betont cool ging er zum Kühlschrank. Eigentlich hatte er keinen Durst, trotzdem wollte er den Apfelsaft herausholen. Wenn er sich jetzt zu Papa setzte und mit ihm zusammen ein Glas trank, würde der vielleicht nicht spotten, sondern mit ihm anstoßen, wie zwei Männer das nun mal taten, wenn sie nach einem langen Tag zusammen ihr Feierabendbier tranken. „Kannst du auch nicht. Es gibt nämlich keine Monster“, sagte Papa. Ergeben nickte er. Papa kannte keine Monster, Mama auch nicht. Und nein, auch Julian hatte noch nie eines gesehen. Aber was bedeutete das schon? Er hatte auch noch nie einen echten Ferrari gesehen, trotzdem wusste er, dass es sie gab. Und eigentlich fand er das Argument unfair. Mama hatte Angst vor Atomkraftwerken, vor dem, was passieren würde, wenn in einem von ihnen etwas kaputt gehen würde, und sie hatte auch noch nie erlebt, wie das dann wäre. Papa hatte Angst vor Einbrechern und schloss abends immer alle Türen ab. Dabei kannte auch er Einbrecher nur aus dem Fernsehen. Julian fürchtete sich oft. Sein Vater meinte, das käme vom Fernsehen und stritt manchmal mit seiner Mutter deswegen. Er fand, dass die Kiste eben ausbleiben müsse, wenn sie dem Jungen nur dumme Hirngespinste eingab. Doch Julian wusste es besser. Seine Ängste hatten nichts mit dem Fernsehen zu tun, ebenso wenig wie mit den Geschichten, die er las. Die Angst vor der Dunkelheit hatte er eigentlich immer. Es war okay, wenn er mit Mama oder Papa zusammen war, wie beim Zelten im Sommer, wo sie noch lange draußen saßen, wenn längst die Sonne untergegangen war. Auch der Schulweg im Winter machte ihm nichts aus. Aber die dunklen Räume, die Schatten in den Ecken, in denen Wer-weiß-was sich verbergen mochte und nur darauf lauerte, dass er sich unvorsichtig näherte, die waren gefährlich. Und es nützte überhaupt nichts, wenn seine Eltern ihm versicherten, dass es weder Gespenster noch Monster gebe. Um acht schickte seine Mutter ihn ins Bett. Das Kinderzimmer hatte sich in der abendlichen Stunde verändert, während Julian ferngesehen, gegessen und sich die Zähne geputzt hatte. Das tat es jeden Tag. Es gab das Tag-Zimmer, das hell und freundlich war. Da wohnten seine Plüschtiere am Fußende des Bettes, und seine Legos und Playmobilfiguren lagen in Kisten im Schrank. Im Tag-Zimmer war es gemütlich, der Raum unter dem Sessel die Höhle, in der die Piraten ihre Schätze horten, und unter dem Bett der Hafen, in dem die Schiffe ankerten. Der Schrank war eine unüberwindliche Felswand und der Schreibtisch der Berg, auf dem der König residierte. Doch im Nacht-Zimmer war es anders. Wer konnte schon wissen, ob sich zwischen den Kleidern im Schrank nicht ein Gespenst versteckte? Oder ob doch ein Monster unter dem Bett lag und auf ihn wartete? Natürlich verhielten sie sich ruhig, solange Mama da war, das taten sie immer. Doch wenn sie gegangen war und das Licht aus, hörte er das Ächzen der Schrankbretter, das Knacken unter dem Bett - Geräusche, die tagsüber nie da waren. Zögernd betrat er das Zimmer, und vorsichtig sah er hinter die Tür. Es war jeden Abend dasselbe: Er schaute hinter die Tür und unter das Bett, hob die Bettdecke an. Wenn er einen besonders mutigen Tag hatte, sah er auch in den Schrank, immer gewärtig, dass sich etwas auf ihn stürzen würde. Und wie jeden Abend war er sehr erleichtert, dass es mal wieder gut gegangen war. Auch das verstanden seine Eltern nicht. Nie hatte etwas hinter der Tür gestanden oder unter dem Bett gelegen – als ob das bedeuten würde, dass es heute Abend nicht anders sein könnte! Solange das Licht brannte und die Tür offenstand, war es auszuhalten. Er ließ sich Zeit mit dem Aus- und Wieder-Anziehen, bis seine Mutter die Treppe heraufkam, um ihm Gute Nacht zu sagen. Erst als sie da war, huschte er unter die Decke, sortierte seine Kuscheltiere an der Wand entlang, bis auf den kleinen Löwen, den er in den Arm nahm. Er beeilte sich nicht dabei, denn Mama ging erst, nachdem sie ihm einen Gute-Nacht-Kuss gegeben hatte, und je länger er brauchte, desto länger blieb sie. Manchmal versuchte er noch andere Verzögerungstaktiken, fragte noch um etwas zu trinken oder erzählte ihr etwas, doch meistens wurde sie dann ungeduldig. Und heute fiel ihm nicht einmal etwas zu erzählen ein. „Kann ich das Licht anlassen?“ fragte er hoffnungsvoll, obwohl er schon wusste, was sie sagen würde: „Das kostet nur unnötig Strom. Wenn du die Augen zumachst, siehst du es doch sowieso nicht mehr. Und du bist doch ein großer Junge!“ Ja, jetzt war er ein großer Junge! Aber wenn er bis nach acht fernsehen wollte, hieß es, er sei zu klein. „Aber dann lass die Tür auf“, verlangte er. Im Flur blieb immer das Licht an, solange seine Eltern wach waren. Mama seufzte. „Okay“, sagte sie. „Meinetwegen. Schlaf schön, mein Schatz.“ Sie küsste ihn auf die Wange und stand auf. Die Tür schloss sich hinter ihr bis auf einen Spalt, der gerade ausreichte, um die Hand hindurch zu stecken. Wenigstens war es so nicht ganz finster. Julian rollte sich ganz klein zusammen, den Rücken zur Wand gedreht, damit er wenigstens sehen würde, wenn ihn etwas angriff, und schob eine Hand unter das Kopfkissen. Beruhigt fühlte er das runde Plastikrohr und die kreuzförmig eingeritzten Griffflächen. Natürlich war der Revolver nur ein Spielzeug, aber vielleicht wusste das Monster das nicht, wenn es an diesem Abend kommen sollte. Julian hatte eine ziemlich klare Vorstellung von den Wesen, die sich in den Schatten versteckten, auch wenn sie nicht überall gleich waren. In seinem Zimmer waren sie ungefähr so groß wie er und hatten riesige Glubschaugen, lange Arme und lange Finger und einen unförmigen, dicken Körper. Abstehende, spitze Ohren wuchsen aus den Seiten der kahlen runden Köpfe, und ihre Nasen waren klein und platt. Ihre Farbe wechselte, meistens stellte er sie sich eher grün oder braun vor, aber manchmal waren sie auch rot oder mehrfarbig. Sie konnten im Dunkeln sehr gut sehen, da war er sicher, und wenn es nötig war, konnten sie auch ihre Gestalt verändern, sich dünn und lang machen, um durch schmale Schrankritzen zu passen oder mit der Hand beinahe das Oberbett zu erreichen, auch wenn sie unter der Matratze lagen. Unwillkürlich seufzte er. Er hätte gern noch einmal Licht gemacht. Neben seinem Bett lag ein Lucky-Luke-Comic, der hätte ihn bestimmt auf andere Gedanken gebracht. Doch um die Nachttischlampe einzuschalten, musste er die Hand unter der Decke hervorstrecken und in den Spalt zwischen Bett und Nachttisch greifen, wo das Kabel hing. Auch das war ein uneinsichtiger Ort, und das schlimmste war, dass er so nah an dem dunklen Raum unter dem Bett war. Den Löwen fest im Arm drückte Julian das Gesicht ins Kissen. Von unten klangen die Stimmen seiner Eltern und die Titelmelodie eines Films, der gerade anfing. Es würde noch Stunden dauern, bis sie ebenfalls nach oben kamen. Etwas weckte ihn. Julian hatte keine Ahnung, was es gewesen war, doch er war hellwach. Es war stockfinster, also war es Nacht und Mama und Papa im Bett. Papa machte dann immer seine Tür zu. Mit angehaltenem Atem lauschte er in die Stille. Nachts war es immer viel leiser als am Tag, und das verstand er nicht. Es war leiser und … irgendwie … ja wie? Es war, als ob man die Stille anfassen könne, wie ein Stück Stoff oder Watte, das sich über die Welt gelegt hatte. Und es gab diese Geräusche, die es tagsüber nicht gab. Mama meinte, das läge nur an der Ruhe, die Geräusche wären immer da, nur am Tag würden sie übertönt. Aber das stimmte nicht, dazu waren sie viel zu laut. Es knackte, und Julian schrak zusammen. Genau so! Genau wie dieses Knacken! Das war kein bisschen leise, unmöglich, dass es von einem vorbeifahrenden Auto übertönt würde, geschweige denn vom Singen eines Vogels oder so etwas. Und überhaupt: Was war es? Da! Da war es wieder! Das war in seinem Zimmer, ganz sicher! Aber es war nicht unter dem Bett, und es kam auch nicht aus dem Schrank. Julian zog sich die Decke bis zur Nasenspitze. Unter der Decke war es sicher, ganz bestimmt. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass sein Herz heftig gegen die Rippen klopfte. Fast glaubte er, es hören zu können. Er atmete ganz leise. Und dann hörte er wieder etwas, eine Art Rascheln, so, als ob sich Papier bewegte. Wie konnte sich in seinem Zimmer Papier bewegen? Tür und Fenster waren geschlossen, es gab keinen Windhauch. Da war etwas, etwas, was überhaupt nicht hierher gehörte! Julians Zähne schlugen aufeinander. Auch das klang laut, und er biss sie fest zusammen. Nun war es wieder ganz leise, kein Ton, nicht der geringste. Die Stille selbst schien zu lauschen, mit angehaltenem Atem, wie er selbst. Lange, ganz lange. Allmählich entspannte er sich, streckte die zusammengekrümmten Zehen. Vielleicht hatte er sich doch getäuscht. Vorsichtig angelte er nach dem Löwen. Alles war besser zu ertragen, wenn man nicht allein war! In dem Augenblick hörte er es wieder: ganz eindeutig Papier, die Seite eines Buches, die umgeblättert wurde. Wieso blätterten die Seiten eines Buches um? Es war viel zu dunkel zum Lesen, es war pechrabenschwarze Nacht! Das konnte nur eine Täuschung sein, machte er sich klar und war so erleichtert, dass er fast gelacht hätte. Niemand konnte bei diesem Licht lesen, also konnte auch niemand Buchseiten umblättern. Also gab es doch einen Windhauch, also war die Tür vielleicht gar nicht wirklich zu. Doch das wollte er jetzt genau wissen. Zielsicher griff er nach dem Kabel der Nachttischlampe und drückte auf den Schalter. Das Licht flammte auf und für einen Sekundenbruchteil sah er in der Mitte seines Zimmers… Dann hatte er sich die Bettdecke über den Kopf gezogen, tonlos vor Schreck. Doch im Rascheln der Decke hörte er ganz deutlich einen leisen entsetzten Schrei, wie von einer Katze, der jemand auf den Schwanz getreten war. Sein Herz schlug wie wild, das ganze Bett schien zu beben, und nur langsam wurden ihm zwei Dinge klar. Das eine war: Wer so erschrocken schrie, griff nicht an. Und das zweite war das, was er zu sehen geglaubt hatte: Es war viel, viel kleiner als er, höchstens halb so groß. Und er war nicht einmal wirklich sicher, dass er es überhaupt gesehen hatte, zu schnell hatte er die Decke vor seine Augen gezogen. Ganz, ganz langsam schob er den Kopf wieder unter der Decke hervor. Das Zimmer war leer bis auf die Möbel und ein paar Playmobilfiguren, die auf dem Teppich lagen. Und bis auf den Lucky-Luke-Comic, der aufgeschlagen vor dem Schreibtisch lag. Überrascht drückte er sich auf die Ellenbogen hoch. Wie kam der Comic da hin? Ganz sicher hatte er am Abend vor seinem Bett gelegen. Sorgfältig suchte er den Rest des Zimmers mit den Augen ab. Zuerst schien alles ganz normal, dann entdeckte er etwas Rotes, das hinter seiner Schultasche hervor lugte. Julian kniff die Augen zusammen, aber ihm fiel nichts ein, was diese Form und diese Farbe haben mochte. Es gab nur einen Weg, herauszufinden, was es war. Er nahm allen Mut zusammen, griff unter sein Kopfkissen und holte die Pistole heraus. Behutsam streckte er erst den einen, dann den anderen Fuß unter der Bettdecke hervor und stellte sie auf den Boden. So leise wie nur eben möglich erhob er sich und schlich mit vorsichtigen, langsamen Schritten auf den Ranzen zu. Etwa einen Meter davor blieb er stehen, richtete die Pistole auf den Ranzen und sagte laut und deutlich: „Komm sofort da raus.“ Einige Sekunden passierte überhaupt nichts, dann schob sich Zentimeter für Zentimeter eine rot-grün-gefleckte Kugel über den oberen Rand der Tasche. Riesige gelbliche Augen starrten Julian unverwandt an, dünne Spinnenarme hoben sich neben abstehende spitze Ohren. „Nicht schießen!“ flüsterte eine dünne Stimme. Vor Verblüffung blieb Julian der Mund offen stehen. Dieses Wesen sprach mit ihm? Und es hatte – Angst? „Wenn du mir nichts tust, tue ich dir auch nichts“, sagte er, als er seine Stimme wieder gefunden hatte. Sie bebte fast gar nicht. „Ich tu dir ganz bestimmt nichts“, sagte das Wesen zittrig und richtete sich weiter auf. Es sah aus, als habe es einen Teleskopkörper, der sich ganz langsam auseinanderschob. Eine winzige, platte Nase erschien hinter dem Ranzen, ein breiter Mund voller spitz zulaufender Zähne und jämmerlich magere Schultern. Und diese Schultern zitterten wie Espenlaub. „Bist du ein Monster?“ fragte Julian misstrauisch. Das Wesen hob die Nase. „Was denn sonst?“ fragte es geringschätzig. „Sehe ich vielleicht aus wie ein Hund?“ Offenbar erschrak es über seinen eigenen Mut und zog rasch den Kopf wieder ein. Und nein, wie ein Hund sah es wirklich nicht aus. „Hey“, sagte Julian. „Du brauchst wirklich keine Angst vor mir zu haben. Eigentlich…“ Er zögerte, doch dann sprach er es doch aus: „Eigentlich hatte ich Angst vor dir.“ „Vor mir?“ fragte das Monster überrascht. „Aber vor mir muss man doch keine Angst haben. Ich tu doch nichts. Alles was ich will, ist ein warmes Plätzchen. Ich war immer so leise, ich war ganz sicher, mich hat niemand gesehen.“ „Dich hat auch niemand gesehen“, sagte Julian und legte die Pistole weg. „Aber ich habe dich gehört. Nachts. Warum bist du in meinem Zimmer?“ „Ich wohne hier“, sagte das Monster und kam nun endgültig hinter dem Ranzen hervor. Dabei schob es sich noch ein bisschen weiter in die Höhe. Ein kugelrunder Bauch kam zum Vorschein, ebenso rot-grün gefleckt wie der Kopf und nur wenig größer als dieser, und genauso dünne lange Beine, wie die Arme waren. Nun war es doch fast genauso groß wie Julian. Nur die Füße, die ganz platt und schmal waren, waren viel größer als seine. „Schau dir meine Arme an. Unsereiner kann kein eigenes Haus bauen, dafür sind wir nicht stark genug. Also wohnen wir mit den Menschen in ihren Häusern. Aber Menschen sind geizig, sie werfen jeden raus, den sie sich nicht als Mitbewohner ausgesucht haben. Sie bringen kleine, harmlose Spinnen und Mäuse um, sie würden uns bestimmt nicht in Ruhe lassen. Deswegen verstecken wir uns und kommen nur heraus, wenn sie schlafen.“ „Wir?“ fragte Julian und sah sich misstrauisch um. „Sind hier noch mehr von deiner Sorte?“ „Nicht in diesem Zimmer.“ Das Monster warf den Kopf hoch. „Hier war ich zuerst, hier wohne nur ich. Aber ja, im Keller, in der Waschküche und auch im Schlafzimmer deiner Eltern wohnen andere.“ Es schürzte die Lippen. „Wirfst du uns jetzt raus? Oder verrätst du uns an deine Eltern?“ „Nein“, sagte Julian, ehe er darüber nachdenken konnte. Doch warum hätte er das tun sollen? Wenn die Monster nie zu sehen und so offensichtlich harmlos waren, konnten sie seiner Meinung nach ruhig bleiben. „Jedenfalls, wenn die anderen Monster uns auch nichts tun.“ „Danke!“ sagte das Monster und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Kein Monster würde jemals einem Menschen etwas tun. Das wäre doch total blöd, denn dann würden sie uns bestimmt nicht in Ruhe lassen. Und ich habe noch nie so schön gewohnt. All diese Spielsachen. Und die Bücher! Ich heiße übrigens Niek.“ Es streckte seine Hand aus. Obwohl es noch immer neben dem Ranzen stand und damit bestimmt einen Meter von Julian entfernt, war Nieks Hand direkt vor ihm. Tatsächlich war Nieks Arm länger geworden. Und noch dünner. Vorsichtig und noch immer ein bisschen unsicher griff Julian zu. Die Hand war warm wie seine eigene und überhaupt nicht glitschig. „Julian“, sagte er. Und dann begriff er, was diese Begegnung in der Nacht für ihn bedeutete: Er hatte sich überhaupt nichts eingebildet, wenn er geglaubt hatte, in den Schatten etwas zu sehen und in der Dunkelheit etwas zu hören. Er war gar keine Memme! Und er brauchte nie wieder Angst zu haben. Denn wenn man wusste, was im Schatten war, war es nicht mehr bedrohlich.