Ehrensache

Vom nahen Kirchturm schlug es die halbe Stunde. Es war Ende März, bereits dunkel vor den dichten, geschlossenen Vorhängen, und im Licht der Deckenlampe funkelte das Kristall, und das Besteck glänzte. Ich war nicht nervös, dennoch kontrollierte ich noch einmal alles. Es musste perfekt sein, Nachlässigkeit konnte und wollte ich mir nicht leisten. Der Tisch in der Küche der kleinen Wohnung war elegant gedeckt mit weißem Damast, venezianischem Glas, silbernem Besteck. Den Tischschmuck hatte ich bewusst schlicht gehalten und sorgfältig ausgewählt: Eine einzelne weiße Lilie, arrangiert mit winzigen weißen Nelken. Doch er war ein Mann, er würde es vermutlich nicht einmal bemerken. Bemerken würde er den Camelot Sicilia, barriquegelagert und edel, der seit einer halben Stunde in seiner Flasche atmete. Natürlich hätte es schöner ausgesehen, ihn in einer Karaffe auf den Tisch zu stellen, doch ich wollte, dass er das Etikett sah. Die Musik kam vom meinem Computer. Nicht sehr stilvoll, aber da er nicht sah, woher sie kam und die Lautstärke ohnehin gering sein würde, spielte es keine Rolle. Mit der Auswahl hatte ich mich schwergetan: Sie sollte weich sein, aber nicht schnulzig, nebenher laufen, aber dennoch auf guten Geschmack verweisen. Letzten Endes war ich bei Chopins Klavierkonzerten geblieben. Die Kerzen steckten in einem fünfarmigen Leuchter, drei einzelne hatte ich im Zimmer verteilt. Das Essen stand im Backofen und würde kurz nach acht Uhr fertig sein. Da er grundsätzlich sehr pünktlich war, würde es genau nach dem ersten Gang auftragfähig sein. Das Fentanyl war sorgsam dosiert dem Grappa zugefügt. Ich hatte nur einen kleinen Rest in der Flasche gelassen, so dass er genau für ein Glas reichen würde; da ich in seiner Gegenwart nie anderen Alkohol als Sekt oder Wein getrunken hatte, würde es nicht auffallen, wenn ich auf ihn verzichtete. Vor dem großen Spiegel im Flur überprüfte ich ein letztes Mal mein Aussehen: Ein bisschen verwegen, ein bisschen brav, und auf jeden Fall sehr jugendlich war der Effekt, den ich beabsichtigte. Es war leicht gewesen, ihn kennenzulernen. Natürlich hatte es genutzt, dass ich äußerlich auf meine Mutter kam, mit großen Augen und schmalem Gesicht, langen Gliedern und klarer Haut. Hauptsächlich aber war es mein Alter, das mir den Weg geebnet hatte. Ein Mann mit seiner Libido war nicht imstande, einer Frau zu widerstehen, die knapp halb so alt war wie er und offensichtliches Interesse an ihm bekundete. Dieselbe Libido war es, die mich zwang, mein Vorhaben rasch in die Tat umzusetzen. Ich hatte mir genau zwei Wochen Zeit gelassen, ihn an mich zu gewöhnen. Gerade lange genug, damit er meiner nicht womöglich überdrüssig wurde. Doch ich hatte meine Sache gut gemacht, er war weit davon entfernt. Andererseits hatte ich mich nicht zu meinem Vergnügen mit ihm eingelassen. Wir hatten zwei angenehme Wochen miteinander verbracht, hatten zusammen Restaurants und Bars besucht, waren ins Theater gegangen und ins Deutsche Museum. Heute hatte ich ihn zum ersten Mal in meine Wohnung eingeladen. Die Zeitspanne passte, er war sozusagen reif. Diese Wohnung allerdings besaß nicht einmal ein Schlafzimmer, nur eine Klappcouch in dem einzigen Zimmer. Ich hatte sie vor einem Monat möbliert von einer Studentin gemietet, die über die Semesterferien nicht in der Stadt war. Ich schlief niemals hier und hielt mich heute erstmals längere Zeit hier auf. Für den Mietvertrag hatte ein schlecht gefälschter Personalausweis ausgereicht mit einem Namen, den niemand zu mir zurückverfolgen konnte, und bei jedem früheren Besuch hatte ich darauf geachtet, Handschuhe und einen Seidenpulli mit Kapuze zu tragen. Er glaubte, ich studiere Medizin; ich hatte das Fach anhand der Bücher in den Regalen ausgewählt. Natürlich verstand ich nichts von der Materie, aber er auch nicht, insofern machte ich mir keine Sorgen. Viel mehr wunderte mich, dass ihn mein Aussehen nicht misstrauisch machte. Aber möglicherweise hatte er meine Mutter längst vergessen. Nun, sie vergaß ihn nicht. Das konnte sie auch nicht, denn wann immer sie mich sah, musste sie sich erinnern. Heute vor sechsundzwanzig Jahren hatte sie in München studiert und auf einer Party einen jungen Mann kennengelernt, der sie spät in der Nacht nach Hause brachte. Meine Mutter kam aus Sizilien. Sie war vielleicht nicht strenggläubig, doch behütete Tochter aus einem katholischen Haushalt, undenkbar, dass sie in der ersten Nacht einen Mann mit in ihr Zimmer nahm. Es kam, wie es niemals kommen sollte: Er sah das anders und nahm sich, was sie nicht freiwillig gab, mit Gewalt. Zunächst viel zu verschüchtert, um mit jemandem darüber zu sprechen, musste sie mit der Wahrheit herauskommen, als sie feststellte, dass sie schwanger war. Ihre Familie war einflussreich in Sizilien, doch bis nach Deutschland reichten ihre Verbindungen nicht, zudem mein Großvater zuerst versuchte, eine mehr oder weniger anständige Lösung zu suchen. Alarmiert suchte der Mann, der primär für meine Existenz verantwortlich war, das Weite, statt wenigstens für letzteres die Verantwortung zu übernehmen. Er schaffte es, sich dem Wirkungsbereich meines Großvaters dauerhaft zu entziehen; erst als dieser vor zwei Jahren verstorben war, wagte er sich zurück in seine Heimatstadt. Unterdessen hatten meine Großeltern eine Ehe für meine Mutter arrangiert, mit der diese ihre Ehre behielt, und die ihr darüber hinaus einen anständigen Mann bescherte. Selbstverständlich gehörte zu dem Arrangement, dass Salvatore mich als seine Tochter ausgab, doch darüber hinaus behandelte er mich auch so und war mir ein guter Vater und meiner Mutter ein guter Ehemann. Meine Mutter war im Privaten eine liebevolle und sanftmütige Frau. Nach außen war sie früh in die Geschäfte meines Großvaters eingestiegen und hatte sie, als seine einzige Tochter, nach seinem Tod übernommen. Offiziell bekleidete Salvatore die Position eines Direktors, doch er stammte aus einfachen Verhältnissen und war viel zu gutmütig, um eine Firma wie diese zu leiten. So tat es meine Mutter, und sie hatte sehr schnell klar gestellt, dass sie durchaus dazu in der Lage war. Die nächste in der Erbfolge war ich, und nachdem ich im vergangenen Jahr meine Studien in Rom und Köln mit einem Examen in Internationaler Wirtschaft abgeschlossen hatte, hatte ich mich auf die Suche nach dem Mann begeben, den ich heute Abend empfangen wollte. Es lag ein Makel auf der Ehre meiner Familie, den normalerweise der Vater, Bruder oder Sohn meiner Mutter hätte tilgen müssen. Doch auch auf Sizilien hatten sich die Zeiten geändert, und da meiner Familie offensichtlich eine matriarchalische Struktur bestimmt war, war es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, ehe ich mich auf offiziellen Wegen auf meine künftige Position vorbereitete. Fentanyl war nicht der eleganteste Weg, doch er war doppelt so schwer wie ich, und ich wollte nicht den Lärm einer Schusswaffe riskieren. So würde er ruhig bleiben, ehe ich zum einzigen Mal in seinem Leben Hand an ihn legen würde. Es schlug acht Uhr, und Sekunden später klingelte es an der Tür. Ich zündete die Kerzen an, warf noch einen raschen Blick in die Schublade unter dem Backofen, in der das Stilett und die Folie lagen. Das Mädel, dem die Wohnung gehörte, würde es sicher nicht schätzen, wenn ihre Küche durch seine abgeschnittenen Genitalien in ein Blutbad verwandelt würde. Dann setzte ich ein einladendes Lächeln auf und öffnete die Tür.