23. Dezember

Es ist der 23. Dezember. Weihnachten steht vor der Tür. Es schneit, und Schnee liegt auf den Dächern und Straßen. Ein kühler Wind weht, und dort, wo Menschen glaubten, der Natur trotzen zu können und die Bürgersteige freischippten, pustet er sachte eine frische weiße Schicht von den Dächern. Es weihnachtet, so ist es beschlossen, und die Welt in diesem Dorf sieht aus wie eine Winterpostkarte. Jedenfalls tat sie es, bis es zu dunkel wurde und der blaue Himmel zuerst grau und dann schwarz wurde. Die Vögel vor dem Fenster haben Feierabend gemacht, das Futterhäuschen schwing sanft hin und her, ganz nutzlos jetzt am Abend. Die Lichterkette in den Balkonkästen tut, als könne sie tröstliches Licht spenden, und sie gibt sich redlich Mühe mit ihren achtzig kleinen Birnchen. Trost. Wärme im Schnee. Wenn das so einfach wäre! Melancholische Musik dringt aus den Lautsprechern, nicht bewusst ausgewählt, sie ist nur Bestandteil einer Playlist, die alles Mögliche enthält, aber sie trägt die Stimmung dieses 23. Dezembers. Gedanken treiben umher, zuerst ziellos, dann ein Jahr zurück. Es war ungefähr diese Zeit, als der Anruf kam, der die vorerst letzte einer Reihe persönlicher Katastrophen verkündete. Das Haus brennt. Niemand ist verletzt, aber es wird nicht zu retten sein: Das Stroh auf dem Dach, die lange Anfahrt der Feuerwehr, das in den Schläuchen gefrierende Wasser. Das Haus, das du schon verlassen hattest, das Haus, das du nie wieder verlassen wolltest, das Haus, das dir von allen Wohnungen, in denen du gelebt hattest, am meisten Zuhause war – das Haus ist nicht mehr. Abgebrannt an einem 23. Dezember. Das Haus, das dich damals, vor vierzehn Jahren empfangen hat wie ein Mensch mit weit ausgebreiteten Armen, das Haus, das „Willkommen“ sagen konnte, das Haus, das jeder, der dort lebte, geliebt hat, und das diese Liebe ausstrahlte. Für jeden? Wer weiß. Für dich, für dich auf jeden Fall! Verloren. „What am I?“ singt Damian Rice mit klagender Stimme. „What am I?“ Was bist du? Die, die so vieles verloren hat, so vieles weggeworfen hat, so vieles vermisst, so vieles erst viel zu spät zu würdigen wusste. Noch vor fünf Jahren sagtest du mit überzeugter Arroganz und Selbstgefälligkeit „Ich bereue nichts. Könnte ich mein Leben noch einmal leben, täte ich es ganz genauso.“ Und jetzt? Jetzt bist du der wandelnde Katzenjammer. Dein Mann ist weg und lebt mit deiner Freundin, dein Sohn ist die halbe Zeit bei ihr und sagt in unbedachten Momenten, er habe jetzt zwei Mütter. Dein Job ist weg, ein neuer nicht in Aussicht. Dein Konto ist unerträglich überzogen, und es gibt keine Chance, es wieder in Ordnung zu bringen. Was bist du? Die Gedanken wandern noch weiter, in eine Zeit, in der du intellektuell warst, hübsch, in einem großen Freundeskreis sicher verwahrt. Deine Ansichten waren durchdacht und in eloquente Worte gewandet, du konntest überzeugend reden, stilsicher schreiben, du wusstest, wie die Welt funktionierte und wie sie zu sein hatte. Den perfekten Weg kanntest du auch nicht, aber die Zuversicht, ihn zu finden, mit der Zeit, trieb dich an und genügte dir. Und war hinreichend parliert, disputiert, analysiert und echauffiert fand sich immer jemand mit bewundernden Blicken, mit charmanten Worten, mit zärtlichen Lippen, die in der einen oder anderen Form an dir hingen. Und doch, es war nie genug. Immer fehlte etwas, immer war etwas nicht ganz in Ordnung, immer war es nicht ganz das Richtige. Das wirkliche Leben, außerhalb des intellektuellen Elfenbeinturms, das sollte es sein. Du hast es bekommen, ganz wie du wolltest. Es war ein Tausch, du gabst das eine auf für das andere. Dass jemand verletzt war, nun, das war bedauerlich, keine Absicht, ein unglücklicher Nebeneffekt auf deinem Weg zum „richtigen Leben“. Ein kleines schlechtes Gewissen auf dem Weg zur Selbstvollendung mit dem Gefühl, jetzt aber doch glücklich zu sein, ein bisschen Spott im Rückblick, und soviel Zuversicht für die Zukunft glichen sich doch aufs Beste aus. Und was davon bist du? Vergeudet. Wie warst du da bloß hingekommen? Das „richtige Leben“ gab es vorher schon mal, aber ach, es war so unbewegt, so festgelegt, so vorgeschrieben. Es gab den einen Mann, die eine Richtung, den einen Status, und es war so sicher, dass es langweilig wurde. Langweilig, eingeengt, eingesperrt. Oh, nein, um Himmels Willen, doch nicht dein Leben! Es war undenkbar, dass du Anfang Zwanzig schon wusstest, wo du mit sechzig sein würdest. Das war alles, aber es musste doch mehr geben! Wer begnügt sich schon mit einem abstrakten “Alles“, wenn er die ganze Welt noch nicht gesehen hat? Du nicht, du doch nicht! Also weg damit! Etwas Neues muss her, dringend, ein bisschen Abwechslung, eine Herausforderung, ein Abenteuer. Alle Sicherheiten mussten über Bord geworfen werden, der Verstand brauchte Futter, die Seele Farbe und Freiheit. Mitleid, Bedauern, sicher, das gab es, aber es war nicht stark genug, dich zurück zu halten. Du warst jung und alles möglich. Es gab Menschen, die dein Drängen verstanden, die dich motivierten und bestätigten, und ja, du hast den Sprung gemacht. Und was warst du? Verlassen. Der Schnee rieselt leise und ebenso leise rinnen ein paar Tränen über längst nicht mehr junge Wangen. Alles ist weg. Die Liebe, die Sicherheit, die Arbeit, die Zuversicht, die Männer, die Freunde, die Herausforderungen, die Schönheit, geblieben ist ein dumpfer Schmerz in der Brust und ein Gefühl von Verlust. Stille Nacht, auch heute. Die Geschäfte schließen, kein Fußgänger tritt auf die weichen weißen Gehsteige. Die kleinen Lämpchen auf dem Balkon leuchten tapfer weiter in der Kälte. Ein kleines Licht, jedes Einzelne. Und jedes Einzelne symbolisiert etwas ganz Besonderes. Die Geschichte von den Kerzen auf dem Adventskranz fällt dir ein. Eine nach der anderen erlosch, die Liebe, der Glaube, der Frieden. Sie gaben auf, weil sie meinten, keine Bedeutung mehr in der Welt zu haben. Doch eine brannte, die vierte, die für die Hoffnung steht. „Solange ich brenne, können wir die anderen wieder anzünden“, sprach sie, und jedes Mal, wenn du die Geschichte gelesen hast, wurde dir so schön sentimental, dass dir die Tränen in die Augen traten. Auch jetzt, wenn du nur daran denkst. Es sind nicht nur vier Lämpchen auf dem Balkon. Es gibt noch andere, die brennen, eines für jeden Traum, den du noch hast, eines für jeden Freund, der dir geblieben ist, eines für jedes Mitglied deiner Familie, die ihr Bestes tut, dir beizustehen, wenn alles über dir hereinbricht, eines für jeden Menschen, der ein gutes Wort findet. Es sind viele Lämpchen, achtzig Stück, eine ganze Menge gute Gründe. Wofür? Dafür, die Kerze der Hoffnung brennen zu lassen, morgen unter dem Weihnachtsbaum zu stehen, schief zu singen, und sicher zu sein, dass du dieses Leben, solltest du es noch einmal leben dürfen, wieder ganz genauso leben würdest. Denn das bist du.